Double-Bind im Familienunternehmen
Was ist ein Double Bind in der Kommunikation?
Ein Double Bind, deutsch Doppelbindung, bezeichnet eine paradoxe Kommunikationssituation, in der eine Person zwei widersprüchliche Doppelbotschaften auf zwei verschiedenen Ebenen erhält und beide gleichzeitig erfüllen soll: Die verbale Aussage auf der Inhaltsebene fordert das eine, Tonfall, Körpersprache und Zwischentöne auf der Beziehungsebene fordern das Gegenteil. Weil zusätzlich ein Abhängigkeitsverhältnis zur sendenden Bezugsperson besteht und das Ansprechen des Widerspruchs unerwünscht bleibt, entsteht für den Empfänger eine Zwickmühle ohne Ausweg: Jede Reaktion wird bestraft, wer verbal folgt, verletzt die nonverbale Erwartung, und die Unmöglichkeit, die Lage zu benennen, verwandelt einen einzelnen Widerspruch in einen Teufelskreis. Aus einem klassischen Dilemma, in dem eine Person zwischen zwei Übeln bewusst wählen kann, wird auf diese Weise eine Paradoxie, in der jede Wahl die Regel verletzt.
Welche Beispiele für Doppelbindungen gibt es im Familienunternehmen?
Im Familienunternehmen entstehen Doppelbindungen dort, wo eine Autoritätsperson zugleich Vater oder Mutter und Gesellschafter ist, und drei Beispiele kehren regelmäßig wieder: Der Senior sagt zum Sohn, du führst jetzt, und entscheidet weiterhin jede Investition selbst. Der Auftrag an die Führungskräfte lautet, denkt unternehmerisch, während jede eigenständige Handlungsaufforderung als Kritik am Gründer gewertet wird. Zielvorgaben verlangen Wachstum, und die stillen Spielregeln der Familie verlangen, dass nichts sich ändert. In allen drei Fällen enthält die Aufforderung ihre eigene Unerfüllbarkeit, und Mitarbeiter wie Familienmitglieder lernen, die Scheinalternativen zu erkennen und lieber gar nichts zu entscheiden. Trifft dieses Muster bereits Kinder, die zwischen Vater und Mutter vermitteln und dabei eine elterliche Aufgabe übernehmen, spricht die Fachliteratur von Parentifizierung, und wer als Kind in dieser Rolle stand, findet sich als Erwachsener häufig in derselben Position zwischen zwei Gesellschaftern wieder.
Woran erkennen Sie, dass Sie in einer Zwickmühle stecken?
Sie erkennen eine Doppelbindung an einem Gefühl, das der Sache vorausgeht: Nach einem Gespräch bleibt Verwirrung zurück, obwohl inhaltlich alles klar wirkte, und Sie könnten in Worten nicht sagen, was genau Sie gerade belastet. Weitere verlässliche Signale sind ein anhaltendes Misstrauen gegenüber der eigenen Wahrnehmung, das Gefühl, es sei egal, wie Sie sich verhalten, weil beides falsch wäre, wachsende Anspannung vor bestimmten Terminen, Rückzug aus Entscheidungen, in denen Sie früher Position bezogen haben, und ein langsam sinkendes Selbstvertrauen bei gleichzeitig steigender Überlastung. Betroffene beschreiben diesen inneren Zustand oft als ständige Unsicherheit darüber, was wirklich gilt, verbunden mit dem Versuch, sich durch immer mehr Information und immer bessere Vorbereitung zu schützen.
Was unterscheidet eine Doppelbindung von absichtlicher Manipulation?
Eine Doppelbindung entsteht in den meisten Familien ohne Absicht: Der Sender meint beide Botschaften ernst, er will Zuneigung und Kontrolle gleichzeitig, Entlastung und Einfluss, Nachfolge und Bodenplatte unter den eigenen Füßen, und er bemerkt den Widerspruch selbst nicht. Diese Einordnung ist wichtig, weil sie die Richtung der Arbeit bestimmt: Sobald eine Partei zum Täter und die andere zum Opfer erklärt wird, verhärten sich die Positionen, und sobald das Muster als gemeinsames Problem beschrieben wird, können beide Seiten es verändern, ohne das Gesicht zu verlieren. Wer die Absicht dahinter verstehen will, findet in den meisten Fällen die Sorge eines Menschen, der loslassen und zugleich Sicherheit behalten möchte.
Welchen Stand hat die Doppelbindungstheorie heute?
Die Doppelbindungstheorie stammt von dem Anthropologen Gregory Bateson, der sie 1956 mit seinem Forschungsteam in Palo Alto als Hypothese zur Entstehung der Schizophrenie veröffentlichte, und Paul Watzlawick machte sie mit der Unterscheidung von Inhaltsaspekt und Beziehungsaspekt einer breiten Leserschaft zugänglich, während Helm Stierlin die daran anschließenden Bindungs- und Delegationsmuster in Familien beschrieb. Als Erklärung für psychische Erkrankungen gilt die ursprüngliche Hypothese heute als überholt, und ihre Wirkung liegt an anderer Stelle: als präzise Beschreibung eines Kommunikationsmusters, das in Familien, Unternehmen und überall dort auftritt, wo Menschen in Machtbeziehungen und engen Bindungen zusammenarbeiten. Die tierexperimentellen Vorläufer aus der Konditionierungsforschung, in denen ein Hund auf widersprüchliche Signale reagieren sollte, gehören in die Wissenschaftsgeschichte dieses Konzepts und beschreiben die menschliche Kommunikationspsychologie nur in ihren Grundzügen.
Welche Lösungen gibt es für Doppelbind-Situationen?
Der Ausweg aus einer Doppelbindung führt über die Metakommunikation, also über das Sprechen über die Art des Sprechens, und dieser Schritt gelingt in drei Bewegungen: die Beschreibung der eigenen Wahrnehmung ohne Vorwurf, die Benennung der beiden Aufforderungen nebeneinander und die Bitte um eine Entscheidung zwischen ihnen. Der Satz, der eine Zwickmühle zuverlässig öffnet, lautet sinngemäß: Ich habe von dir zwei Aufträge gehört, die sich widersprechen, und ich möchte wissen, welcher gilt. Voraussetzung dafür ist die Exzentration, der Schritt aus der eigenen Mitte heraus auf eine Beobachterposition, von der aus das Muster als Muster sichtbar wird statt als persönliches Versagen. Hilfreich ist außerdem, den Konflikt in kleinen, folgenden Schritten zu bearbeiten und die eigene emotionale Lage dabei so klar zu beschreiben, dass das Gegenüber sie verstehen kann.
Wie löst die Familieneinigung den Double Bind im Gesellschafterkreis?
Die Familieneinigung löst den Double Bind, indem sie die beiden Ebenen trennt, die im Familienunternehmen ständig aufeinanderliegen: In Einzelgesprächen beschreibt jede Person, welchen Auftrag sie erhalten hat und welchen sie tatsächlich erfüllen möchte, in der gemeinsamen Sitzung stehen diese Aufträge nebeneinander, und aus zwei unvereinbaren Erwartungen wird eine ausgesprochene Entscheidung. Am Ende steht eine Verabredung, die auf beiden Ebenen dasselbe sagt: wer welche Entscheidungen trifft, welche Rolle der Gründer behält, was seine Lebensleistung bedeutet und woran alle Beteiligten erkennen, dass die Übergabe stattgefunden hat.
Wie es weitergeht
Für die konkreten Fallbilder führen die Seiten weiter: Gesellschafterstreit im Familienunternehmen, Geschäftsführer-Nachfolge in der Blockade, Erbengemeinschaft blockiert den Immobilienverkauf und Pflichtteilsstreit unter Geschwistern. Wie sich eine Eskalation abwenden lässt, bevor Verfahren nötig werden, beschreibt Eskalation im Familienstreit abwenden, und was ein weiteres Jahr ohne Entscheidung kostet, rechnet Kosten der Nichtentscheidung vor.
Die Methodik hinter diesem Vorgehen beschreibt die systemische Entscheidungsarchitektur, und das Prinzip der Exzentration ist unter excentration.com ausführlich dargestellt. Wie sich die Familieneinigung zur Mediation verhält, lesen Sie unter Familieneinigung statt Mediation.
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